
Erinnern und mahnen: 22 tödlich verunglückte Radfahrende in Mannheim seit 2010
Hinter jeder Zahl steht ein Mensch: Seit 2010 sind in Mannheim mindestens 22 Radfahrende tödlich verunglückt. Der ADFC dokumentiert ihre Schicksale, analysiert Gefahrenstellen und zeigt, warum Fehler im Verkehr nicht tödlich enden dürfen.
Verunglückte und getötete Radfahrer und Radfahrerinnen in Mannheim (2010–2025)
Mannheim hat in den vergangenen Jahren immer wieder tödliche Unfälle mit Radfahrenden erlebt. Hinter jeder Zahl stehen Menschen, Familien, Freunde und ein öffentlicher Straßenraum, der sie nicht ausreichend geschützt hat.
Der ADFC Mannheim möchte mit diesem Beitrag an die Verstorbenen erinnern, typische Unfallmuster sichtbar machen und zeigen, wie Ghost Bikes im Stadtbild an sie erinnern und für mehr Sicherheit im Radverkehr mahnen.
Tödliche verunglückte Fahrradfahrende in Mannheim
In der vorliegenden Chronik sind für Mannheim derzeit mindestens 22 tödlich verunglückte Fahrradfahrende seit 2010 dokumentiert; einschließlich Alleinunfällen und einer absichtlichen Tötung. Diese Zahl verdeutlicht das Ausmaß der Tragödien.
Liste aller uns bekannten tödlich verunglückten Fahrradfahrenden
Datum | Ort | Kurzbeschreibung | Ghost Bike |
| 28.09.2025 | Feudenheim | 36-jähriger Radfahrer auf Fußgängerüberweg von Pkw erfasst und tödlich verletzt, Fahrer flüchtet | Ja |
| 30.06.2025 | Käfertal | 63-jähriger Radfahrer kollidiert auf BBC-Brücke mit 70-jähriger ADFC Aktiver Radfahrerin, sie stürzt und verstirbt im Krankenhaus | Ja |
| 07.10.2023 | Neckarau | 39-jähriger Radfahrer kollidiert an Haltestelle Lettestraße mit Straßenbahn und stirbt an der Unfallstelle | Ja |
| 09.11.2023 | Innenstadt | 62-jähriger Radfahrer kollidiert beim Linksabbiegen an M 6/M 7/N 7 mit Pkw und verstirbt im Krankenhaus | Ja |
| 29.09.2023 | Seckenheim | 68-jähriger E-Biker an Querungsstelle der Suebenheimer Allee von vorfahrtsberechtigtem Seat frontal erfasst und verstirbt im Krankenhaus | Nein |
| 24.06.2023 | Neckarau | 70-jähriger Radfahrer missachtet Rot an Rheingoldstraße/Neckarauer Waldweg und kollidiert mit Straßenbahn | Ja |
| 03.06.2022 | Waldhof | 80-jähriger Radfahrer an Altrheinstraße/Wachtstraße von Sprinter frontal erfasst und stirbt am 15.06. im Krankenhaus | Ja |
| 12.06.2022 | Rheinau | 36-jähriger Autofahrer auf Fluchtfahrt erfasst in Rhenaniastraße vier Radfahrende und tötet eine 71-jährige Radfahrerin | Nein |
| 03.05.2022 | Schönau | 58-jähriger Radfahrer beim Queren der Leo-Sternbach-Straße von Sattelzug erfasst und überrollt, stirbt am Unfallort | Nein |
| 28.06.2021 | Vogelstang | 56-jähriger Radfahrer an Haltestelle „Vogelstang-Center“ von Linienbus erfasst und stirbt später im Krankenhaus | Ja |
| 28.04.2021 | Sandhofen | Radfahrer auf Radweg an B 44 von abbiegendem Pkw erfasst, schwere Kopfverletzungen, verstirbt in der Klinik | Nein |
| 14.11.2020 | Feudenheim | Eine 68-jährige Radfahrerin kollidiert an Haltestelle Talstraße mit Straßenbahn Linie 7 und stirbt abends im Krankenhaus | Ja |
| 19.09.2020 | Innenstadt | 82-jähriger Radfahrer am Marktplatz (G 1) von Opel erfasst und verstirbt kurz nach Einlieferung in die Klinik | Nicht mehr vorhanden |
| 28.07.2020 | Innenstadt | 63-jähriger Radfahrer stürzt allein auf Rheinstraße, erleidet Beckenbruch und verstirbt später im Krankenhaus | Nein |
| 14.11.2019 | Rheinau | 61-jähriger Rennradfahrer stürzt auf Stangenbrunnenweg (vermutlich medizinischer Notfall) und stirbt im Krankenhaus | Nein |
| 18.11.2019 | Neckarau | 76-jährige Radfahrerin quert Gleisbereich in Steubenstraße, wird von Straßenbahn erfasst und stirbt im Krankenhaus | Nein |
| 18.06.2019 | Seckenheim | 34-jähriger Radfahrer wird in der Elsa-Brandström-Straße von abbiegendem Lkw überrollt und tödlich verletzt | Ja |
| April 2019 | Innenstadt | Radfahrer unbekannten Alters überquert bei rot die Bismarckstraße von Nord (Kurpfalzstraße) nach Süd (Schloss) und wird von einem Pkw erfasst. Der Radfahrer verstirbt wenige Tage später im Krankenhaus. | Nein |
| März 2018 | Neckarstadt | 54-jähriger Radfahrer wird in Waldhofstraße beim Überqueren der Gleise von Straßenbahn erfasst und stirbt später im Krankenhaus | Nein |
| März 2018 | Innenstadt | 17-jähriger Radfahrer verliert im Handelshafen die Kontrolle, stürzt über Kaimauer in den Rhein und wird tot geborgen | Nein |
| September 2014 | Neckarau | 65-jähriger Mann stürzt mit dem Rad und verstirbt wenig später im Krankenhaus, Ursache unklar | Nein |
| Juni 2010 | Neckarau | 31-jähriger Radfahrer auf Neckarauer Übergang gerät vom Radweg auf Fahrbahn, prallt gegen Taxi und stirbt nachts im Krankenhaus | Nein |
Hinter jeder Meldung steht ein Mensch mit Familie, Freundeskreis und Alltag, der von einem Moment auf den anderen endet: der 80‑jährige Radfahrer, dem im Juni 2022 in Waldhof beim Abbiegen die Vorfahrt genommen wird und der nach Tagen im Krankenhaus stirbt; der 61‑jährige Rennradfahrer, der im November 2019 in Rheinau stürzt und nicht mehr nach Hause kommt; die 76‑jährige Radfahrerin, die ebenfalls 2019 beim Queren der Gleise in Neckarau von der Bahn erfasst wird. Dazu kommen Ausnahmesituationen, die sich wie ein Albtraum lesen, etwa die Amokfahrt durch die Rhenaniastraße 2022, bei der eine 71‑jährige Radfahrerin getötet und mehrere weitere Radfahrende schwer verletzt wurden, oder der Unfall im September 2025 in Feudenheim, bei dem ein 36‑jähriger Radfahrer und Vater von zwei Kindern im Alter von 3 und 15 Monaten auf dem Fußgängerüberweg getötet wird und der Autofahrer flüchtet. Unter den Verunglückten war im Juni 2025 mit der 70‑jährigen Ingrid Derwis zudem ein besonders engagiertes Mitglied des ADFC Mannheim, das bei einem Frontalzusammenstoß mit einem 63‑jährigen Radfahrer auf der BBC‑Brücke ums Leben kam.
In Mannheim, wie auch allgemein, sterben Menschen immer wieder dort, wo der Verkehr besonders unübersichtlich ist: an großen Kreuzungen, an Haltestellen, an Querungsstellen zwischen Autos, Straßenbahnen und Bussen. Gerade an solchen „Konfliktpunkten“ treffen viele Bewegungen auf engem Raum zusammen und ein kurzer Fehler reicht, um aus dem Alltag plötzlich eine Katastrophe zu machen. Auffällig sind hohe Zahl an Unfällen mit Straßenbahnen, diese enden häufig fatal, da die Bahnen schwer sind, keine Knautschzone haben und einen langen Bremsweg aufweisen. Der klassische „Tote Winkel“ oder das fahrlässige unaufmerksame Abbiegen ist ein wiederkehrendes Muster, das besonders bei Beteiligung mit dem Schwerlastverkehr sehr schnell tödlich endet.
Dass viele Opfer über 60 sind und mehrere tödliche Unfälle ohne Fremdbeteiligung passieren, deutet auf zwei miteinander verknüpfte Risikofaktoren hin: Zum einen werden Stürze oder vergleichsweise „kleine“ Fehler im Alter häufiger lebensbedrohlich, zum anderen können Infrastruktur wie Schienen, Bordkanten oder Unebenheiten selbst ohne Kollision fatal wirken.
Ghost Bikes
Ghost Bikes sind weiß lackierte Fahrräder, die an Unfallorten aufgestellt werden, an denen Radfahrende tödlich verunglückten; sie sind Mahnmal und Erinnerungszeichen zugleich. Das komplett weiße Fahrrad symbolisiert die Leere, die der Tod eines Menschen hinterlässt. Es gibt der abstrakten Zahl aus der Unfallstatistik einen konkreten Ort und macht das Geschehene im Stadtbild greifbar. Ein Ghost Bike klagt nicht an, aber es fordert unübersehbar: Fehler im Straßenverkehr dürfen nicht tödlich enden.
In Mannheim wurden solche Räder in den vergangenen Jahren von Initiativen wie dem Ride of Silence und dem ADFC aufgestellt. Dies erfolgt in Absprache mit Angehörigen. Oft übernehmen Engagierte oder Angehörige die Pflege des Rades und schmücken es mit Blumen.
Allerdings stehen nicht an allen Unfallorten Ghost Bikes, weil zum Beispiel manche Hinterbliebene ein solches Zeichen im öffentlichen Raum nicht wünschen. Das ist eine individuelle Entscheidung, die wir uneingeschränkt respektieren. Auch wurden in der Vergangenheit nicht immer Ghost Bikes aufgestellt, wie die Tabelle hier zeigt.
Feedback, Mitmachen oder Quellen
Wenn ihr weitere Informationen zu Unfällen habt, Fehler in dieser Chronik entdecken oder sich für sicheren Radverkehr in Mannheim engagieren möchten, meldet euch gerne beim ADFC Mannheim. Nur gemeinsam können wir Druck aufbauen, damit aus Gedenken konkrete Verbesserungen werden.
Datenlage und mögliche Dunkelziffer
Für die Jahre vor 2016 sind die Daten nur sehr grob zu rekonstruieren. Viele ältere Presse- und Polizeimeldungen sind online gar nicht oder nur bruchstückhaft verfügbar, sodass genaue Fallzahlen fehlen. Zudem beginnt eine systematische, öffentlich gut nutzbare Unfallstatistik für den Radverkehr in Mannheim praktisch erst ab 2016. Sie erfasst dabei auch nur Todesfälle, bei denen die Betroffenen innerhalb von 30 Tagen nach dem Unfall ihren Verletzungen erliegen. Ältere Todesfälle lassen sich daher nur über Einzelfallrecherche und private Dokumentation annähern. Auch mag es eine Dunkelziffer geben, bei denen schwerverletzte Fahrradfahrende erst später an den Verletzungen verstorben sind. In einigen wenigen Fällen, wo es uns bekannt geworden ist, haben wir dies hier auch ergänzt, wie auch die absichtliche Tötung im Jahr 2022, die nicht erfasst wurde, da es sich nicht um einen Unfall handelte.
















